Mehr Wald im Kita-Garten: Ein Upgrade fürs Immunsystem

Wald Kinder

Wie Dreck im Kita-Garten das Immunsystem von Kindern in nur einem Monat veränderte

Finnische Wissenschaftler taten etwas Ungewöhnliches: Sie karrten echte Walderde und Gras herbei und verteilten sie über dem Kies von vier Kitas. Dann ließen sie die Kinder einen Monat lang darin graben. Als die Blutwerte zurückkamen, sahen die Forscher Veränderungen, mit denen sie nicht gerechnet hatten – jedenfalls nicht so schnell und nicht so deutlich.

Der Versuchsaufbau

Die Studie lief in zehn Kindertagesstätten in zwei finnischen Städten mit 75 Kindern im Alter von drei bis fünf Jahren. Das Design war einfach und clever:


  • Vier Gärten bekamen die „Wald-Behandlung" also einen Tennisplatz voll Erde und Gras über den Kies, dazu Pflanzkübel und Torfblöcke zum Graben und Klettern.

  • Drei Gärten blieben unverändert: normaler Kies, keine Eingriffe.

  • Drei weitere dienten als Vergleichsmaßstab: Kitas, in denen die Kinder ohnehin jeden Tag echte Wälder besuchten.

Gerade die letzte Gruppe ist wichtig denn sie zeigte den Forschern, wie eine „waldreiche" Kindheit biologisch aussieht und lieferte einen Vergleichswert für die Kinder mit den Waldgärten.

Was sich in einem Monat veränderte

Schon nach vier Wochen waren die Ergebnisse bemerkenswert:

  • Die Vielfalt der Bakterien auf der Haut der Kinder schoss in die Höhe – und genau jene Bakterienarten, die die Immunabwehr der Haut trainieren, nahmen am stärksten zu.

  • Ihre Darmbakterien begannen, jenen der "Wald-Kinder" zu ähneln.

  • Ihr Blut zeigte mehr Immunzellen, die den Körper davon abhalten, auf harmlose Dinge wie Pollen oder Erdnüsse überzureagieren.

  • Die Entzündungswerte sanken insgesamt.

Und die Kinder auf den reinen Kies-Gärten? Bei ihnen zeigte sich nichts davon.

Warum das wichtiger ist denn je

Die Trendlinien (Daten aus den USA) zeigen die Dringlichkeit dieser Forschung:


  • Asthma bei Kindern verdoppelte sich zwischen 1980 und 1995.

  • Lebensmittelallergien bei Kindern stiegen um 50 Prozent zwischen 1997 und 2011 – und dann noch einmal um 50 Prozent zwischen 2007 und 2021.

  • Erdnussallergien bei Einjährigen verdreifachten sich zwischen 2001 und 2017.

In der Entwicklung kindlicher Immunsysteme verändert sich offenbar etwas. Und eine mögliche Ursache ist fast schon peinlich einfach.

Wald Leo (kleiner Junge mit roten Haaren, Sommersprossen, orangefarbenem Sweatshirt) und Mia (kleines Mädchen mit blonden Zöpfen und teal Hoodie) rennen lachend über einen schmalen Waldpfad, sammeln Stöcke und Blätter, während warmes Sonnenlicht durch die Bäume fällt.

Die These: Kinder werden nicht dreckig genug

Die finnischen Forscher vermuten, dass Kinder heute schlicht zu wenig mit der mikrobiellen Welt in Berührung kommen, in der Menschen seit jeher gelebt haben. Ihr Immunsystem wird in Umgebungen trainiert, denen genau jene Bakterien fehlen, die früher das Training übernahmen.

Die Lebensgewohnheiten stützen die Sorge: 37 Prozent der amerikanischen Vorschulkinder verbringen an einem normalen Wochentag nur noch eine Stunde oder weniger im Freien.

Aki Sinkkonen, der die Studie leitete, brachte es schlicht auf den Punkt:

„Am besten wäre es, wenn Kinder in Pfützen spielen könnten und alle in der Erde graben dürften."

Was das für Eltern bedeutet – und wie es weitergeht

Für Eltern ist die Botschaft erfrischend unkompliziert. Sie brauchen keinen Tennisplatz voll importierter Walderde. Der Kern ist eher eine Erlaubnis: Lasst Kinder graben, lasst sie schmutzig werden, lasst sie mehr Zeit in lebendigen, nicht sterilen Außenräumen verbringen.


Und die Idee gewinnt an institutionellem Gewicht: Die finnische Regierung hilft inzwischen, Kitas im ganzen Land bei genau solchen Umbauten finanziell zu unterstützen.


Ein Monat Dreck, so scheint es, kann für das heranreifende Immunsystem eines Kindes mehr bewirken, als wir je angenommen hätten.

Herzliche, mit Matsch verzierte Grüße

Euer Marskinder-Team 🚀

Primary study: Roslund et al. 2020, Science Advances - Biodiversity intervention enhances immune regulation and health-associated commensal microbiota among daycare children: https://science.org/doi/10.1126/sciadv.aba2578


AAAS news coverage of the study with lead researcher quotes from Marja Roslund and Aki Sinkkonen https://aaas.org/news/city-day-care-yards-forest-floor-boosted-childrens-immune-systems


CDC National Survey of Children's Health 2021 - 37 percent of US preschoolers spend an hour or less outside on weekdays https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/38128675/


Food Allergy Research and Education - rising food allergy prevalence in US children https://foodallergy.org/resources/facts-and-statistics


Children and Nature Research Network summary of the Roslund study methodology and findings https://research.childrenandnature.org/research/adding-biodiverse-elements-to-a-play-yard-can-enhance-preschoolers-immune-systems/