Ein Tag mit Aoi: Ihr Leben nach dem Tokkatsu-Prinzip

Grundschule, Kyūshoku , gemeinsamer Essensdienst

Ein kurzes Interview mit Aoi, 9 Jahre, Grundschülerin aus Yokohama

Aoi, erzähl doch mal: Wie beginnt bei dir ein normaler Schultag?

Also, mein Schultag fängt eigentlich schon an, bevor überhaupt der Unterricht startet! Wir haben bei uns nämlich etwas, das heißt Tokkatsu, was soviel heißt wie "besondere Aktivitäten". Das steht in keinem Schulbuch, aber es ist trotzdem wie eine unsichtbare Schulstunde, die sich um uns selbst dreht anstatt um Mathe oder Lesen.


Heute bist du Toban, richtig? Was heißt das genau?

Ja genau, ich bin diese Woche dran! Toban bedeutet, dass meine Gruppe das Mittagessen austeilt. Wir tragen die großen Schüsseln mit Reis und Suppe durch die Klasse, ganz vorsichtig, weil letzte Woche ist meinem Freund Kenji die Suppe fast über die Schuhe geschwappt! Und danach müssen wir putzen. Klingt komisch, oder? Wir kriegen kleine Lappen und wischen damit die Tische. Meine beste Freundin Yui und ich machen daraus immer ein Wettrennen: Wer schafft die meisten Tische? Meistens gewinnt sie, weil sie schneller wischt, aber ich mache dafür keine Streifen! Das Coole ist: Jeder in der Klasse ist mal dran mit Putzen und Essen austeilen, nicht immer dieselben. So merkt man richtig, wie viel Arbeit das eigentlich ist. 


Du hast vorhin ein Klassentier erwähnt. Erzähl gerne mehr davon!

Oh, das ist Tama! Tama ist unser Klassenhase, ganz weiß mit einem braunen Fleck auf dem Ohr. Ich habe die Kakari-Rolle dafür übernommen, das heißt, ich habe mir das selbst ausgesucht, weil ich Tiere liebe. Jeden Morgen, bevor der Unterricht anfängt, gebe ich Tama frisches Wasser und ein paar Karottenstückchen, und ich schaue ob sein Käfig sauber ist. Manchmal macht Tama ganz witzige Sprünge, wenn er das Futter sieht, und dann lachen alle in der Klasse. Ich habe sogar ein kleines Heft, wo ich aufschreibe, wie viel er gefressen hat. Das macht mich schon ein bisschen stolz, so wie eine richtige Tierpflegerin!


Ihr habt auch eine Klassenversammlung, oder? Wie läuft die ab?

Ja, einmal pro Woche setzen wir uns alle in einen großen Kreis, und dann reden WIR, nicht die Lehrerin! Wir haben eine besondere Karte, die Hanashiai-Karte, die uns hilft: Erst sagt jemand ein Problem, dann erklärt er warum es ein Problem ist und dann überlegen wir gemeinsam eine Lösung. Letzte Woche ging es darum, was wir bei unserem Klassenfest spielen sollen. Ich durfte sogar mal die Diskussion leiten. Das war aufregend, weil man vor den anderen Schülern sprechen musse, aber sich danach auch ein bisschen wie eine kleine Heldin fühlen kann!


Und was ist mit dem Essen – gibt es da auch besondere Regeln?

Klar! Bevor wir anfangen zu essen, sagen alle zusammen laut "Itadakimasu", und wenn wir fertig sind, "Gochisousama". Das machen wir jeden einzelnen Tag und irgendwie fühlt es sich an wie ein kleines Dankeschön an alle, die das Essen gemacht haben. Meine Mama sagt, das ist ein bisschen wie bei einem Geschenke hier in Japan: Wenn man was bekommt, gibt man später auch wieder was zurück. Ich finde, Essen ist irgendwie auch ein Geschenk, oder?


Greift eure Lehrerin denn oft ein, wenn mal was schiefgeht?

Eigentlich fast nie! Am Anfang vom Schuljahr erklärt sie uns die Regeln aber danach lässt sie uns wirklich selbst machen. Manchmal vergessen wir was oder machen Fehler, wie letztes Mal als wir vergessen haben, Tamas Käfig zu putzen und es ein bisschen gerochen hat! Aber unsere Lehrerin hat nur gelächelt und gefragt: "Was macht ihr jetzt?" Und dann haben wir das selbst gelöst. Das fühlt sich gut an, so als würde sie uns wirklich vertrauen.


Tokkatsu, Klassenzimmer reinigen, Grundschule

Was Tokkatsu für unseren Marskinder-24-Wochen Programm bedeuten könnte.

Genau dieser letzte Punkt aus Aois Erzählung, die bewusste Zurückhaltung der Erwachsenen, ist aus unserer Sicht der eigentliche Schlüssel zum Tokkatsu-Modell. Die Lehrkraft bleibt Ansprechpartnerin, tritt aber gezielt in den Hintergrund, damit Kinder eigenständig Verantwortung, Diskussion und Kooperation üben können. Echte Selbstständigkeit entsteht laut dem Konzept nur dort, wo Erwachsene bewusst Raum lassen, statt jeden Schritt vorzugeben.


Bei Marskinder schauen wir bewusst über den eigenen Tellerrand hinaus: Wir beobachten Bildungsmodelle aus aller Welt und prüfen, welche Prinzipien sich sinnvoll in unser bestehendes Programm integrieren lassen. Die Maßgabe ist dabei immer, dass sie euch als Eltern echte Entlastung bringen und euren Kindern einen spürbaren Mehrwert bieten. Tokkatsu ist ein solches Modell: Es zeigt, wie gemeinschaftliches Verantwortungsbewusstsein und Eigenständigkeit systematisch im Alltag verankert werden können, statt nur punktuell angesprochen zu werden.

Wir prüfen daher aktuell, wie sich zwei zentrale Tokkatsu-Prinzipien in unseren Halbjahresplan einfügen lassen:

  • Rotierende Verantwortungsrollen, die Kindern echte, wiederkehrende Aufgaben innerhalb der Familie geben, statt einmaliger Sonderaufgaben.

  • Bewusste Zurückhaltung der Eltern in ausgewählten Alltagsmomenten, sodass Kinder Konflikte, Planungen oder kleine Entscheidungen zunächst selbst durchdenken dürfen bevor Erwachsene unterstützend eingreifen.

Sollte sich diese Integration als praktikabel und wirkungsvoll erweisen, werden wir sie mit konkreten, alltagstauglichen Umsetzungsideen in einem eigenen oder bereits bestehenden Modul für euch aufbereiten. Bleibt also gespannt ⭐.   

Herzliche Grüße,
Euer Marskinder-Team